Eine volle Flasche

Sekt, Bier, eine Flasche Ouzo. Vielleicht auch noch was anderes. Was genau er getrunken hat, daran erinnert er sich nicht. „Kann gut sein, dass meine Schulfreunde mir noch irgendwas eingeflößt haben“, erzählt Mario und hat vor Scham einen roten Kopf. „Genau weiß ich es aber nicht. Ich habe da einen Filmriss.“

Mario (Name geändert) ist 15, besucht die Realschule Rugenbergen in Bönningstedt. Inzwischen ist er so weit wieder wohlauf. Nur die blutunterlaufenen Augen erinnern noch an die Alkoholvergiftung, die er vergangenen Freitag erlitt. Viel hat nicht gefehlt, und er wäre aus seinem Delirium nie mehr erwacht. 2,45 Promille Alkohol hatte er im Blut.

Koma-Saufen oder Kampftrinken – eine Mode unter Jugendlichen, die erschreckende Ausmaße annimmt. Innerhalb von sechs Jahren sei die Zahl der Jugendlichen, die wegen Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten, von 9500 auf knapp 20000 gestiegen, sagte gestern Volker Weissinger vom Fachverband Sucht.

Ein Anlass zum Saufen findet sich immer. Bei Mario und seinen Klassenkameraden aus der 10b waren es die Abschlussarbeiten in Deutsch, Mathe und Englisch, die sie soeben hinter sich gebracht hatten. Direkt bei der Schule, an einer Brücke, die einen Bach überspannt, begannen sie ihr Zechgelage. Eine Mitschülerin Marios: „Wir wollten nur ein bisschen feiern. Sonst nichts.“ Wie es kam, dass Mario am Ende auf dem staubigen Weg zurückblieb, volltrunken, bewusstlos und ganz allein, daran will sich niemand erinnern. Irgendwer hat den Jungen sogar noch im Dreck eingebuddelt, ihm Laub und Zweige in den Mund gesteckt. Gut, dass der Hausmeister der Schule ihn fand. „Zehn Minuten später“, so ein Polizeibeamter zur MOPO, „wäre Mario tot gewesen.“

Was er und seine Mitschüler an Alkohol so geil finden? Wir fragen sie: „Tolles Gefühl, so ein Rausch“, meint einer. Ein Mädchen: „Das entspannt total. Du kannst mal den ganzen Scheiß vergessen …“ An die Folgen denken sie noch nicht.

Michael Schneider ist inzwischen 21. Und der Hamburger wünschte, er hätte nie zum Alkohol gegriffen. „Weil ich getrunken habe, habe ich meinen Hauptschulabschluss nicht geschafft. Weil ich danach noch mehr getrunken habe, hat mein Ausbildungsbetrieb mich rausgeworfen. Dann kamen Koks, Gras, Ecstasy hinzu.“ Er sei seinen Eltern so dankbar: „Die haben mich vor die Wahl gestellt, aufzuhören oder sofort auszuziehen.“ Heute arbeitet Michael als Wachmann, verzichtet auf Drogen aller Art – und ruft den Jugendlichen zu: „Alkohol ist scheiße!“

Aber warum ist Saufen überhaupt in Mode? „Zeitgeist allein ist nicht die Erklärung“, sagt Kai Wiese, Chef der Suchtberatungsstelle KODROBS, die seit einem Jahr im Auftrag des Hamburger Senats den Kampf gegen jugendlichen Alkoholismus führt. Ängste seien es, die Jugendliche im Alkohol ersäufen: „Angst vor Arbeitslosigkeit, Angst vor der Zukunft.“ Insbesondere solche jungen Menschen, die psychisch angeknackst sind und die nach Stabilität und Sicherheit verlangen, seien in Gefahr.

Übrigens: Mario, der Junge mit den 2,45 Promille, sagt, dass er Alkohol so bald nicht mehr anfassen will. Sein Vater daneben guckt ihn streng an: „Worauf du dich verlassen kannst.“

So schützen Sie Ihr Kind

Experten: Fünf Regeln, die Eltern unbedingt beachten sollten

Hier gibt es Hilfe für alkoholgefährdete Jugendliche:
KODROBS, eine Suchtberatungsstelle in Altona
(Hohenesch 13-17, Tel. 040-39086-40 oder -41).

Wie Eltern ihre Kinder schützen – das sind die Tipps von KODROBS:

  • Leben Sie Ihrem Kind einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol vor!
  • Geben Sie Ihrem Kind Freiraum für neue Erfahrungen, damit es erkennen kann, dass es Probleme selbst zu meistern in der Lage ist. Das schafft Selbstwertgefühl und ist eine gute Basis, in kritischen Situationen „Nein“ sagen zu können.
  • Überprüfen Sie, ob Ihre Erwartungen an die schulischen Leistungen Ihres Kindes nicht zu hoch gesteckt sind.
  • Ihr Kind braucht Unterstützung, das heißt: Lob und wohlmeinende Kritik.
  • Wenn Sie bemerken, dass Ihr Kind mit Alkohol zu experimentieren beginnt, reden Sie darüber! Offenheit und Nähe sind die besten Voraussetzungen dafür, auch in Krisenzeiten mit Ihrem Kind im Gespräch zu bleiben, vor allem, wenn Ihr Kind regelmäßig trinkt.

Weitere Infos gibts hier: Externer Link www.kodrobs.de

Ein Bericht von OLAF WUNDER; Hamburger Morgenpost – MOPO

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